„Der Prozess war gespenstisch“

Ein Bericht von amnesty international

Günter Wallraff kennt die Türkin Pınar Selek seit vielen Jahren. Das Urteil gegen sie hält er für einen Skandal: © Hermann Bredehorst / Polaris / laif

Günter Wallraff kennt die Türkin Pınar Selek seit vielen Jahren. Das Urteil gegen sie hält er für einen Skandal: © Hermann Bredehorst / Polaris / laif

Mit diesem Urteil hatte kaum jemand gerechnet: Die im französischen Exil lebende Feministin Pınar Selek soll in ihrer Heimat lebenslang ins Gefängnis. Der Autor Günter Wallraff hat den Prozess in Istanbul beobachtet.

Herr Wallraff, die türkische Justiz sagt, die Soziologin Pınar Selek sei eine Bombenlegerin. Glauben Sie das auch?
Wer Pınar Selek kennt, weiß, wie absurd der Vorwurf ist. Man ist ja von der Türkei einiges gewohnt, aber dies ist selbst für türkische Verhältnisse eine Singularität. Man wirft Pınar Selek seit 15 Jahren vor, sie habe auf dem Gewürzbasar in Istanbul eine Bombe gezündet, die sieben Menschen in den Tod riss. Doch es gibt nicht die Spur eines Beweises. Die Anklage stützt sich auf das „Geständnis“ eines angeblichen Komplizen. Aber der hat längst erklärt, dass seine Aussage durch Folter erpresst worden sei und er Pınar Selek gar nicht gekannt habe. Außerdem kamen Gutachter zu dem Schluss, dass nicht Sprengstoff, sondern eine defekte Gasflasche die Explosion auslöste.

Pınar Selek wurde ja auch dreimal freigesprochen. Aber jedes Mal hob der Oberste Gerichtshof das Urteil wieder auf. Warum ließ die Justiz nicht locker?
Es scheint so, als sei Pınar Seleks Verurteilung von allerhöchster Stelle angeordnet worden. Als unabhängige Soziologin hat sie sich viele Feinde gemacht. Ihre Studien über den Männlichkeitswahn der Armee düpierten die alten Militärs. Ihr Einsatz für die Rechte der Frauen und sexueller Minderheiten ist den Islamisten ein Dorn im Auge. Im Hass gegen Pınar Selek sind die alten und die neuen Mächte der Türkei vereint.

Wie kam es überhaupt zu der Anklage?
Pınar Selek forschte in den Neunzigern zur Kurdenfrage und recherchierte dabei auch im Umfeld der verbotenen PKK. Die Polizei erfuhr davon und wollte wissen, mit wem sie gesprochen hatte. Man nahm sie im Juli 1998 fest und folterte sie. Doch sie blieb standhaft und gab keine Namen preis. Zwei Wochen später erfuhr sie im Gefängnis zufällig aus dem Fernsehen, dass man sie für die Explosion auf dem Basar verantwortlich machte.

Sie saßen nun während des jüngsten Prozesses im Gerichtssaal. Welchen Eindruck hatten Sie?
Es war gespenstisch. Ich musste an Kafkas „Der Prozess“ denken. Die ganze Verhandlung wurde flüsternd geführt, sozusagen hinter vorgehaltenen Aktendeckeln. Mehrfach wurde der Prozess unterbrochen. Man gewann den Eindruck: Die Richter telefonieren in den Pausen mit Ankara, um sich das Urteil von höchster Stelle diktieren zu lassen.

Nach der Urteilsverkündung wirkte Pınar Selek wie unter Schock.
Sie stand unter Schock! Sie ist in ihrem Land für viele Menschen eine Hoffnungsträgerin und wird dort gebraucht. Sie lebt ja nun schon seit Jahren im Exil. Nach dem letzten Freispruch im Jahr 2011 war Pınar Selek euphorisch. Sie saß schon auf gepackten Koffern und wollte sofort in die Türkei zurückkehren. Zum Glück hat sie dann doch noch ein paar Tage abgewartet, denn das Urteil wurde ja sofort wieder kassiert.

Pınar Selek hat in Frankreich nun politisches Asyl beantragt. Die Türkei hat sie derweil bei Interpol zur Fahndung ausgeschrieben.
Das ist der Gipfel der Unverfrorenheit. Man hat den Eindruck, die Türkei habe gar kein Interesse mehr, der EU beizu­treten. Ich nannte das Land früher eine „Militär-Demokratur“: Trotz Wahlen behielten die Militärs die Zügel in der Hand. Nun entwickelt sich die Türkei zunehmend zu einer „Islamokratur“. Ich bin mir sicher: Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wird das Urteil keinen Bestand haben.

Fragen: Ramin M. Nowzad

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