Nach Facebook-Posting in der Psychiatrie

übernommen aus derstandard.at

Leserkommentar | Bernhard Torsch, 9. April 2013, 15:29

Ein Leser berichtet über eine Verkettung unglücklicher Umstände, die ihm ein paar Tage in einer psychiatrischen Klinik bescherten

Vor einem Monat trank ich zu viel Bier und machte im Suff einen schweren Fehler: Ich schrieb ein Facebook-Posting, das man als Selbstmorddrohung interpretieren konnte („Vielleicht ändert sich ja was, wenn ich mich umbringe?“ – geschrieben unter dem Eindruck der Selbstmordwellen in Griechenland und Spanien). Als ich Tags darauf wieder halbwegs nüchtern war, löschte ich es, da ich es für eine peinliche Weinerlichkeit hielt, die noch dazu Tür und Tor zu falschen Vermutung öffnete.

Gegen Mittag läutete es dann Sturm. Ich fragte mich, wer denn der Quälgeist sei, der mich da in meinem Kater stören wollte, doch als ich die Tür öffnete, war ich einigermaßen überrascht, denn da standen zwei junge Polizisten. Mir dämmerte schnell, dass deren Besuch wohl mit meinem Facebook-Gefühlsausbruch zu tun haben könnte, was mir die beiden Beamten auch bestätigten. Sie wären davon verständigt worden, dass ich mit Suizid gedroht hätte, eröffneten sie mir. Ich lachte und sagte ihnen, es sei alles in Ordnung, ich wolle mich ganz sicher nicht umbringen.

Der Facebookeintrag lag außerdem schon gute zwölf Stunden zurück. Wäre es mir ernst gewesen, wären die Uniformierten wohl reichlich spät dran gewesen. Ob sie reinkommen dürften, fragten sie, und ich bejahte, ließ sie in meine Wohnung, wo weder Strick, noch Pistole, noch Rasierklingen, noch Schlaftabletten bereit lagen, da ich ja niemals vorgehabt hatte, mich wirklich aus diesem Leben zu befördern. Ich scherzte mit den Beamten, die übrigens überaus freundlich waren, und hoffte, die Sache wäre damit erledigt. Junge, lag ich falsch!

Es tue ihnen ja leid, sie glaubten mir zwar, dass ich mich nicht erschießen wollte, aber ich müsse sie aufs Revier begleiten. Eine reine Formsache, versicherten sie mir, der Amtsarzt würde mich dann nach Klärung des Sachverhalts wieder nach Hause schicken. Also wurde ich unter den Augen neugieriger Nachbarn von zwei Polizisten zum Einsatzfahrzeug begleitet und zur Polizeizentrale gefahren. „Ärgerlich“, dachte ich, „aber bald wird dieses Missverständnis aufgeklärt werden“. Junge, lag ich falsch!

Der Amtsarzt stellte mir keine einzige Frage. Er sah mich nicht einmal an, genauer: Er sah durch mich hindurch und sprach ausschließlich mit den Polizisten, die mich abgeholt hatten. Das war eine der erniedrigendsten Erfahrungen meines Lebens. Ich war plötzlich keine Person mehr, ich war ein armer Irrer, der es nicht einmal wert war, dass man ihn wahrnahm oder mit ihm sprach. Man sprach über mich, als ob ich nicht anwesend gewesen  wäre. Zwischen Amtsarzt und Polizisten entspann sich folgender Dialog:

„Fremdgefährdung?“

„Nein“.

„Selbstgefährdung?“

„Können wir nicht ausschließen“.

Der Amtsarzt griff zum Telefon und mir wurde langsam heiß, denn ich begann zu begreifen, dass ich meine Wohnung so schnell nicht wiedersehen würde. Ob noch ein Bett frei sei, hörte ich ihn fragen, und dann forderte er, man solle eine Ambulanz schicken. Die Polizisten bedeuteten mir, ich solle aufstehen und am Gang vor dem Arztzimmer Platz nehmen. Ich sagte „auf Wiedersehen“ zum Amtsarzt, doch der blickte bloß missmutig in die Akten eines anderen Falls. Er dachte wohl, mit Irren redet man nicht, man antwortet nicht mal auf eine höfliche Verabschiedungsfloskel.

Vielleicht hatte der Mann aber auch nur einen besonders stressigen Tag? Nach ein paar Minuten kam dann der Rettungswagen, der mich ins Krankenhaus bringen sollte, und der von der Polizei dorthin eskortiert wurde. Man weiß ja nie, vielleicht wäre ich ohne Polizeieskorte aus dem fahrenden Wagen gesprungen oder hätte dem Sanitäter die Haut vom Gesicht gefressen? Ich fühlte, wie sich eine Panikattacke anschlich, doch ich konnte sie mit Müh und Not unterdrücken. Alles, was ich an diesem Tag gewollte hatte, war, in Ruhe meinen Kater auszukurieren. Und jetzt saß ich in einem Krankenwagen, der mich gegen meinen Willen in die Psychiatrie transportierte. Noch hatte ich die Hoffnung, dass wenigstens die Psychiater mir zuhören würden und mir glaubten, dass ich keine Selbstmordabsichten hatte. Junge, lag ich falsch!

Auf der psychiatrischen Station des Klinikum Klagenfurt angekommen, brachten mich ein Pfleger und die zwei Polizisten, die mir seit Mittag nicht von der Seite gewichen waren, zu einer Ärztin. Ich versuchte zu erklären, dass ein Missverständnis vorliege, dass ich besoffen Unsinn geschrieben hatte und dass ich nie vorgehabt hatte, mir das Leben zu nehmen. Es war nicht gerade ein vertrauliches Gespräch. Die Polizisten, ein Pfleger und eine Krankenschwester hörten zu. Die Psychiaterin schaute mich an und stellte mir dann eine Frage: „Bleiben sie freiwillig hier oder müssen wir einen richterlichen Unterbringungsbeschluss einholen?“

Jetzt wurde mir ein bisschen übel. Richterliche Unterbringung! Bilder von verrammelten Fenstern, Zwangsjacken und Gitterbetten erschienen vor meinem inneren Auge. Ich war nun extrem verängstigt und entschloss mich, für die unfreiwillige Freiwilligkeit zu optieren. Ich hatte nicht viel Ahnung von der Psychiatrie, aber ein Verdacht kam mir: Würde ich nun laut werden und starrsinnig auf meiner Freilassung bestehen, wäre die Diagnose „hat keine Krankheitseinsicht“ oder „ist akut suizidgefährdet“ schnell zur Hand und man würde mich in die geschlossene Abteilung stecken.

Als kooperativer Patient kam ich in die offene Psychiatrie, wo man mir ein Bett zuwies und mich mit meinen ins Rasen kommenden Gedanken allein ließ. „Na gut, dann bleibe ich halt, die werden mich wohl 24 Stunden beobachten und dann wieder ziehen lassen“, bildete ich mir ein. Junge, lag ich falsch!

Ich erkundete meine Umgebung. Ich war in einem Sechsbettzimmer untergebracht. Neben mir hatte sich ein anderer Patient auf seinem Bett in Fötusstellung zusammengerollt. Drei Zimmer gab es auf der Station, alle belegt mit jeweils sechs Patienten. Zwei Zimmer waren für Frauen, eines für uns Männer. Am Gang gab es einen Unisexwaschraum und eine Unisextoilette. Die Betten waren alt und ohne Möglichkeit einer elektrischen Einstellung, es gab ein großes Esszimmer, wo auch der einzige Fernseher stand.

Man gab mir Medikamente. Viele Medikamente. Sechs Stück über den Tag verteilt. Ich griff zum Handy und informierte meine Verwandten und Bekannten darüber, was mir passiert war. Früh ging ich zu Bett und hoffte auf die Visite am folgenden Tag. „Vielleicht kann ich in einem vertraulichen Arzt-Patienten-Gespräch endlich klar machen, dass ich hier nicht hergehöre“, dachte ich mir. Ich lag natürlich falsch.

Am nächsten Morgen schluckte ich brav die Medikamente, die beim Frühstück ausgeteilt wurden (Antidepressiva, Neuroleptika, Antiepileptika…), und wartete auf die Visite. Ich lernte rasch, dass Warten die Hauptbeschäftigung in der Psychiatrie ist. Warten und lesen. Oder warten und schlafen. Es gibt keine Gesprächstherapie, nur Medikamente. Als ich schließlich dran kam, stellte sich die Visite als weniger vertraulich heraus, als ich gedacht hatte, denn neben der Ärztin war auch eine Krankenschwester im Zimmer. Erneut versuchte ich zu erklären, dass ich kein potenzieller Selbstmörder sei. „Aber ohne Grund schreibt man doch keine Selbstmorddrohung auf Facebook“, meinte die Ärztin.

Ich gab zu, dass ich seit vielen Jahren an Depressionen und Angststörungen litt, betonte aber, dass ich noch nie versucht hatte, mein Leben zu beenden. Es brachte nichts. Auch in den folgenden Tagen nicht. Für jeden Versuch meinerseits, meine Nicht-Selbstgefährdung zu beweisen, kamen sofort neue „Vorwürfe“. Ja, Vorwürfe, denn diese Visiten erinnerten mich ein wenig an Polizeiverhöre, bei denen einem ein Geständnis aus der Nase gekitzelt werden soll. Mir ging es inzwischen rasant schlechter, ich hatte keinen Appetit mehr, war extrem unruhig, hatte beunruhigend hohe Blutdruckwerte, Schweißausbrüche und Angstzustände, war müde und gleichzeitig schlaflos.

Als ich das bei einer der nächsten Arztvisiten zur Sprache brachte, konfrontierte mich die Ärztin mit den Werten einer Blutuntersuchung, in der ein relativ hohes Level eines Medikaments, das ich seit Jahren nahm, festgestellt worden war und meinte, es sei kein Wunder, dass es mir so schlecht ginge, ich litte nämlich unter einem Entzug. Das ginge ja nun gar nicht, dass ich jenes Medikament so lange genommen hätte, und ich sollte die Chance nutzen, hier davon loszukommen.

Interessant: Aus einer zwangsweisen Selbstmordverhinderung sollte nun eine zwangsweise Medikamentenumstellung samt Entzug werden. Blöd nur, dass die furchtbaren Symptome, unter denen ich litt, gar kein Entzug sein konnten, da ich das bewusste Beruhigungsmittel immer noch nahm. Es waren die Nebenwirkungen der neuen Medikation, vor allem jene von Cipralex.

Es vergingen fünf Tage und ich bekam langsam echte Angst, dass ich sterben könnte, denn zu den immer stärker werdenden Nebenwirkungen der Medikation kam eine Art Krankenhauskoller. Ich hatte wenige Jahre zuvor immerhin acht verdammte Monate mit Krebs im Krankenhaus gelegen, großteils in einem Isolierzimmer, in dem man vor Einsamkeit und Beklemmung fast verrückt wird, und hatte seither eine Phobie gegen Krankenhausaufenthalte, vor allem gegen erzwungene.

Immerhin hatte ich den Schock der Einlieferung überwunden und kam nun langsam wieder in die Gänge, begann damit, mich über meine Rechte zu informieren. Ich rief einen befreundeten Richter an, der mir erklärte, dass es in meinem Fall keinen Anlass für eine Zwangsunterbringung gäbe, da kein Richter eine solche nur aufgrund eines Facebook-Postings verfügen würde. Dermaßen argumentativ gestärkt machte ich mich bereit, für meine Freiheit zu kämpfen, und bei der Visite am sechsten Tag machte ich mit Nachdruck klar, dass mir dieser Krankenhausaufenthalt eher schadete, dass ich zwar seit 20 Jahren depressiv, aber nie suizidgefährdet gewesen war und dass ich keine Lust hätte, im Krankenhaus einen Zwangsentzug zu machen.

Die behandelnde Ärztin war plötzlich sehr kooperativ und teilte mir mit, sie würde meine Entlassungspapiere noch am selben Tag unterschreiben, was sie dann auch tat. Nach einer knappen Woche auf der Psychiatrie war ich wieder ein freier Mensch. Allerdings einer, der nun den „Makel“ eines nicht ganz freiwilligen Psychiatrieaufenthalts in den Akten stehen hat und auch einer, dessen Hausarzt und dessen niedergelassener Psychiater beide einen Brief vom Krankenhaus bekamen mit der dringenden Aufforderung, meine medikamentöse Einstellung zu ändern. Was sie auch machten.

Ich weiß, dass mir weder die Polizisten, noch der Amtsarzt und schon gar nicht die Ärztinnen und Pfleger im Krankenhaus etwas Schlechtes antun wollten. Sie alle haben in der Absicht gehandelt, mir zu helfen. Dennoch war das eine sehr schlimme Erfahrung, denn ich hätte zuvor nicht im Traum gedacht, dass man so schnell gegen seinen Willen in einer psychiatrischen Klinik landen kann. Der Entzug der persönlichen Freiheit gehört zum Schlimmsten, was ein Mensch erleben kann.

Ich würde die Erfahrung, die ich gemacht habe, all jenen wünschen, die am Stammtisch dumm davon daherreden, dass Haftstrafen eh nicht so schlimm seien. Für mich immerhin hat die Sache neben der starken Verunsicherung, die das Hineingeraten in die Mühlen einer Gesundheitsbürokratie nach sich zog, auch positive Auswirkungen. Seit damals trinke ich keinen Alkohol mehr, da ich einen solchen Kontrollverlust nicht mehr erleben möchte, und es ist wohl auch in der Tat an der Zeit, neue Medikamente zu probieren und von den Beruhigungsmitteln loszukommen.

Die Frage, ob andere darüber zu entscheiden haben, welche legalen Medis ich einwerfe und ob eine erzwungene Umstellung medizinisch sinnvoll ist, möchte ich hier gar nicht weiter erörtern. Dennoch möchte ich den Menschen, der mein Facebook-Posting bei der Polizei gemeldet hat, fragen, warum er oder sie sich nicht die „Mühe“ gemacht hat, mich vorher zu kontaktieren und nachzufragen, ob es mir wirklich ernst sei mit dem Suizid? Ich stehe im Telefonbuch und bin auch via E-Mail und Blog und eben Facebook erreichbar. Es war vermutlich gut gemeint, aber ich bitte um Verständnis dafür, dass ich nicht gerade sehr dankbar für diesen traumatisierenden Trip bin. (Leserkommentar, Bernhard Torsch, derStandard.at, 9.4.2013)

Bernhard Torsch lebt in Klagenfurt. Dieser Text erschien ursprünglich auf seinem Blog http://lindwurm.wordpress.com. „Der Beitrag soll keine sachliche Kritik an der Psychiatrie sein. Ich habe nichts gegen die Psychiatrie an sich und würde, was ich auch anderen empfehle, bei schwerwiegenden Krisen nicht zögern, mich dort freiwillig behandeln zu lassen. Das hier ist ein rein subjektiver Erfahrungsbericht, der von einer Verkettung unglücklicher Umstände handelt und wie sehr mich die Situation belastet hat“, so der Autor.

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