Der Schweizer Männeraktivist Markus Theunert fordert mehr Teilzeitarbeit für Männer

Interview mit einem sehr unterstützenswerten Männerrechtsaktiven aus der Schweiz. Seine Vision teile ich hundertprozentig und seine Arbeit schätze ich sehr. Eines seiner Bücher habe ich auch unter Gleichstellung –> Männerpolitik –> Will mehr wissen empfohlen!

Nachfolgender Text übernommen von badische-zeitung.de

BZ-Interview

Der Schweizer Männeraktivist Markus Theunert fordert mehr Teilzeitarbeit für Männer

Männer wollen Teilzeitarbeit – das sagt Markus Theunert, Präsident des Schweizer Männerverbands Maenner.ch. Warum trotzdem die wenigsten nur einen haben und warum Männer sich oft selbst im Weg stehen erklärt er im BZ-Interview.

  1. Markus Theunert ist Präsident des Schweizer Männerverbands Maenner.ch Foto: privat

  2. Teilzeitarbeit kann Männern mehr Zeit für die Familie verschaffen. Foto: dpa

BZ: Herr Theunert, auf Ihrer Webseite heißt es „Wir sind die Männerlobby“. Wieso brauchen Männer eine Lobby?
Theunert: Weil auch Männer Anliegen haben, die von irgendwem vertreten sein wollen. Sie müssen überhaupt erstmal formuliert werden, weil das Bild des Mannes ja das ist – da wir in einer patriarchalischen Gesellschaft leben -, das für Männer sowieso gesorgt ist. Ein Blick in die Gesundheitsstatistiken genügt, um zu wissen, dass auch Männer unter dem Patriarchat leiden. Wir verstehen uns als Sprachrohr für Jungen-, Männer- und Väteranliegen. Wir fragen, was Männer an politischen Rahmenbedingungen brauchen, um ein gesundheitsverträgliches und attraktives Männerleben zu führen. Männer übernehmen statistisch nachweisbar mehr Verantwortung zu Hause, in der Familie, für die Kinder. Gleichzeitig schlägt sich das aber kaum oder gar nicht nieder in der Erwerbsarbeit.

BZ: Haben Sie deshalb auch das Projekt Teilzeitmann ins Leben gerufen? Worum geht es?
Theunert: Es geht um Gleichstellung. Wenn man sagt, Männer müssen sich verstärkt in der Kinderbetreuung beteiligen, müssen sie auch anderswo entlastet werden. Aber es fühlt sich ja niemand zuständig. Politiker tun das kaum. Sie sagen: Ich bin ja nicht als Mann Politiker, sondern als Mensch. Sie versuchen eher, ihr Geschlecht weg zu neutralisieren.

BZ: Der Titel Ihres Vortrags lautet „Männerleben zwischen Macht und Ohnmacht“ – da soll es genau um diese Dinge gehen?
Theunert: Ich werde aufzeigen, wie sich im Leben eines jeden Mannes Machts- und Ohnmachtserleben abwechseln. Zweitens zeige ich, wie das mit kulturellen Leitvorstellungen, was ein richtiger Mann sein soll, ganz eng zusammenhängt. Es geht auch um Männlichkeitsvorstellungen und wie sich Männer schlicht krank machen und sich daran hindern, ihr Leben so zu führen, wie sie es eigentlich möchten. Weil sie in Ansprüchen gefangen bleiben, und im Versuch, ihren Männlichkeitsansprüchen zu genügen.

BZ: Männer stehen sich oft selbst im Weg?
Theunert: Männer versuchen, es allen recht zu machen. Ihren eigenen Ansprüchen, ihrem Arbeitgeber, ihrem privaten Umfeld. Dabei verpassen sie oft, nach innen zu hören und zu fragen, was sie eigentlich selber wollen. Das wird ihnen auch systematisch abtrainiert.

BZ: Machen sie diese Erfahrung, dass viele Männer den Wunsch haben, Arbeitszeit zu reduzieren, aber ihnen ihr Umfeld im Weg steht?
Theunert: Ja sowohl das private als auch das Betriebliche. Es gibt eine repräsentative Studie in der Schweiz, wonach 90 Prozent der Männer Teilzeitwünsche haben, es realisieren aber nur 10 Prozent. Man muss das natürlich auch kritisch hinterfragen, so etwas sagt sich leicht. Ich bin kein Verfechter der These, dass nur widrige Umstände dies verhindern. Ich unterstelle den Männern auch Mutlosigkeit. Man muss auch an das private Umfeld und Arbeitgeber die Fragen richten. An die Frauen: Könnt ihr damit leben, wenn der Mann weniger Geld verdient und sich mehr um die Kinder kümmert, vielleicht auch eingespielte Routine hinterfragt. An den Arbeitgeber: Ist es mehr als ein Lippenbekenntnis? Seid ihr flexibel genug, um auf eure Arbeitnehmer einzugehen? Andererseits muss man auch die Männer fragen: Hey, was hindert euch? Es ist möglich. Man muss es einfach tun. Man muss den Chef oder die Chefin fragen. Es gibt zahlreiche Erfolgsbeispiele. Problematisch ist auch oft ein vorauseilender Gehorsam. Nach dem Motto: Er oder sie würde sowieso nein sagen, deshalb frage ich schon gar nicht.

BZ: Würde das denn auch daheim akzeptiert werden, wenn der Mann weniger Geld verdient?
Theunert: Es geht ja nicht um die Verringerung des Familieneinkommens. Sondern um eine Umverteilung. Wenn Männer weniger heimbringen, müssen Frauen mehr zur finanziellen Absicherung leisten und sich die Männer dafür mehr die Kinder kümmern.

BZ: Und was sagen da die Frauen dazu?
Theunert: Ganz unterschiedlich. Das ist sehr stark eine Generationenfrage. Jüngere sind offener dafür oder sehen das genauso. Vor allem in urbanen Milieus entwickelt sich ein kulturelles Leitbild. Ein Modell, wonach beide arbeiten und die Verantwortung für die Kinderbetreuung plusminus hälftig geteilt wird.

BZ: Okay – was aber mache ich, wenn mein Arbeitgeber nicht mitmacht und sich eine Reduzierung ausdrücklich nicht vorstellen kann?
Theunert: Es gab schon manchen Arbeitgeber, der sich das sehr wohl vorstellen konnte, wenn man die Konsequenzen zieht und sagt, dann gehe ich halt. Viele Männer haben diese Freiheit nicht, denen möchte ich keinen Vorwurf machen. Viele Männer, sehr gut ausgebildet und mit Auswahl, scheitern aber auch an ihrer Bequemlichkeit. Größtes Hindernis ist der Argwohn der Geschlechtsgenossen.

BZ: Inwiefern?
Theunert: Es ist einerseits die Angst vor schrägen Blicken. Wenn ich nicht mehr 100 Prozent arbeite, gelte ich schnell mal nicht mehr als ganzer Mann. Oder als ernstzunehmender, vollwertiger Kollege. Selbstwert wird bei uns stark an Leistungsvermögen geknüpft. Wer 100 Prozent arbeitet, ist 100 Prozent Mann. Wer 50 Prozent arbeitet, ist nur noch eine „halbe Portion. Ich teile diese Ansicht natürlich nicht. Es sind aber Mechanismen, die da funktionierten. Man darf nicht nur den einzelnen Männern die Schuld daran geben. Alle tragen dazu bei, dass es so ist. Das ist eine lange Entwicklung.

BZ: Und Sie geben Männern den letzten Ruck für den entscheidenden Schritt?
Theunert: Ja, das versuchen wir. Wir versuchen auch, Männer zum Nachdenken zu bringen. Besteht euer Leben wirklich nur aus Arbeit? Seid ihr als Menschen wirklich nur soviel wert wie eure Leistungsfähigkeit? Wir reden auch mit Chefs und versuchen, alle in die Verantwortung zu nehmen.

BZ: Wie viel Prozent arbeiten sie eigentlich?
Theunert: Ich bin selbstständig.

BZ: Also 300 Prozent?
Theunert: Nein. Freitag ist mein Papatag. Wir machen Kinderbetreuung halbe halbe. Ich habe aber viele ehrenamtliche Engagements, männerpolitische, und komme auf 40, 50 Stunden die Woche.

BZ: In Deutschland geht es derzeit immer um die Frauenquote. Sie könnten ja eine Männerteilzeitquote fordern?
Theunert: Wir haben dazu ein liberaleres Politikverständnis. Wir finden geschlechtergerechte Durchmischung ist wichtig und die muss auch staatlich gefördert werden. Aber ob eine Quote dafür die richtige Maßnahme ist, bezweifeln wir.

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